Was wurde aus dem Admiral?

Von Gabriele Hennicke Di, 14. Juli 2020

 Die Lebensräume für Schmetterlinge werden immer kleiner – das beobachten Experten im Freiburger Umland.

Zitronenfalter, Schwalbenschwanz, Admiral, Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs: Schmetterlinge, die früher in Massen vorkamen, sieht man heute meist nur als Einzelexemplare. Nicht nur die Zahl der Arten ist dramatisch zurückgegangen, sondern auch die der Individuen. Die BZ hat sich bei Experten im Freiburger Umland umgehört.

 

"In der Masse kann ich die Ergebnisse der Krefeld-Studie, die einen Rückgang der Biomasse von Insekten innerhalb von wenigen Jahrzehnten um 75 Prozent festgestellt hat, bestätigen. Mein Bauchgefühl hatte mir schon länger ähnliches gesagt", sagt Schmetterlingsexperte André Grabs aus Gundelfingen. Er beschäftigt sich schon seit seiner Kindheit mit Schmetterlingen, beobachtet sie seit drei Jahrzehnten und kartiert sie für die Landesdatenbank. "Eigene Beobachtungen sind immer subjektiv, für eine wissenschaftliche Beobachtung muss man einen bestimmten Bereich über Jahre überwachen und kartieren, um eine Aussage zu treffen, ob eine Art zu- oder abnimmt", erklärt er.

Die Gründe für den Rückgang sind vielfältig

Die Zusammenhänge seien höchst komplex und unglaublich spannend. Klimaschwankungen, Parasitenbefall, die Entwicklung der Schmetterlingsfeinde wie Vögel und Wespen – sie alle haben Einfluss auf das Vorkommen der Schmetterlinge, sagt Grabs, der auch als Schmetterlingsguide Gruppen führt und Gemeinden bei der Anlage von Wiesenflächen berät.

Viele Schmetterlinge sind stark auf bestimmte Blätter spezifiziert, die Raupen der Tagpfauenaugen und Kleinen Füchse beispielsweise auf die Blätter der Brennnessel. "Die gibt es zwar überall in der Landschaft, vorwiegend aber an Waldrändern und in Schattenbereichen – und genau da nützen sie den Raupen nicht. Entscheidend ist der Standort der Pflanze und der muss ein sonniger sein, damit sich die Larve schnell entwickeln kann. Im Schatten werden keine Eier abgelegt", erläutert der Vorsitzende der BUND-Gruppe in Gundelfingen die Zusammenhänge.

Zu wenig Brennnesseln in der freien Flur


In der freien Flur allerdings gebe es kaum noch Ackerränder, an denen Brennnesseln wachsen könnten. "Die Kulturlandschaft hat Schmetterlinge als Beiwerk hervorgebracht, die industrielle Landwirtschaft die Insekten vertrieben. Ihre Lebensräume schwinden, das Mosaik der Wiesenflächen fehlt", lautet die Diagnose des Experten. Einzig in Naturschutzgebieten wie dem Zentralkaiserstuhl und der Trockenaue bei Grißheim gebe es noch eine Vielzahl an Arten, auch sehr seltene wie den Gelbringfalter und den Goldenen Scheckenfalter.

"Der Schwalbenschwanz war früher ein Massentier, heut sieht man allenfalls noch einzelne." Jürgen Hensle, Nabu Kaiserstuhl

Jürgen Hensle aus Eichstetten war neun Jahre lang Vorstand des Nabu Kaiserstuhl und beobachtet die Schmetterlinge im Zentralkaiserstuhl mit seinen Naturschutzgebieten rund um Badberg und Haselschacher Buck seit mehr als 40 Jahren. "Der Schwalbenschwanz war früher ein Massentier, heut sieht man allenfalls noch einzelne", sagt er. Nach seiner Beobachtung hat die Anzahl der Schmetterlinge im Zentralkaiserstuhl um 90 Prozent abgenommen, die Artenvielfalt ebenfalls sehr deutlich, aber nicht ganz so stark. Im Zentralkaiserstuhl gab es das letzte Vorkommen des Großen Waldportiers in Deutschland, 2018 sei er ausgestorben. Weil der Kaiserstuhl eine Insel in der Kulturwüste sei, kommen von außen keine Insekten rein, so Hensle. Ein Jahr mit Parasitenbefall oder schlechter Witterung könne da katastrophal sein.

Stickstoff und Dürre bereiten Probleme

Ein weiteres Problem sei der Stickstoffeintrag durch die Luft in die Böden der mageren Trockenrasen. Der führe dazu, dass sich standortfremde Pflanzen ansiedeln, die das Mikroklima verändern. "Seit 2017 setzt zudem der Klimawandel den Insekten massiv zu. Unsere heimischen Arten sind nicht an mediterrane Dürreperioden angepasst."

"Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern Viertel nach eins, also bereits viel zu spät für die Rettung der Insekten." Jürgen Hensle


Helfen würde nur ein tiefgreifender Wandel in der Land- und Forstwirtschaft, die schon seit mehr als 100 Jahren, verstärkt aber nach dem Zweiten Weltkrieg, auf Insektizide setze. "Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern Viertel nach eins, also bereits viel zu spät für die Rettung der Insekten", sagt der Experte wenig hoffnungsvoll.

Leonhard Siegwolf ist der Initiator des Naturlehrpfades Brunnengraben in Schallstadt-Mengen. Auch er beobachtet, dass es immer weniger Schmetterlinge gibt. Schwalbenschwanz und Admiral seien nur noch selten zu beobachten.

Rückblick: Das Ökosystem für Schmetterlinge ist in Baden-Württemberg bereits gekippt (2019)


Der Lebensraum für die Tiere werde immer kleiner, mit jedem neuen Baugebiet verschwinden Wiesen und Bäume, beklagt Siegwolf. "Schlimm ist auch die Spritzerei in der Landwirtschaft." Er hält es daher für wichtig, bereits Kinder für die Vielfalt der Natur zu sensibilisieren. Das Projekt Brunnengraben sei ein Beispiel dafür. Jeder einzelne könne zudem in seinem Garten mit dem Setzen von Pflanzen, die Schmetterlinge anlocken, etwas für die Verbesserung von deren Lebensraum tun.

Schmetterlinge
Schmetterlinge bilden mit knapp 160.000 Arten nach den Käfern die artenreichste Insekten-Ordnung. Sie sind auf allen Kontinenten verbreitet. In Deutschland gibt es etwa 3700 Schmetterlingsarten.

Schmetterlinge durchlaufen während ihres Lebens einen besonderen Zyklus: Aus Eiern entwickeln sich flugunfähige Raupen, die dank intensiver Nahrungsaufnahme erheblich wachsen. Am Ende des Raupenstadiums bilden sie eine festere Hülle, die sogenannte Puppe. In den Puppen bilden sie Flügel aus und wandeln sich zur flugfähigen Form der Falter um.

Die erwachsenen Tiere nehmen mit ihrem Saugrüssel Nahrung auf, meist Blütennektar. Sie fliegen dazu eine Vielzahl verschiedener Blüten an und sind deswegen auch für deren Bestäubung wichtig. Einige Pflanzen mit tiefen Blütenkelchen können nur von Schmetterlingen bestäubt werden