{"id":684,"date":"2020-05-01T17:03:21","date_gmt":"2020-05-01T15:03:21","guid":{"rendered":"https:\/\/nabu-kaiserstuhl.de\/index.php\/insektensterben-in-mitteleuropa\/"},"modified":"2022-11-23T12:14:21","modified_gmt":"2022-11-23T11:14:21","slug":"insektensterben-in-mitteleuropa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nabu-kaiserstuhl.de\/index.php\/insektensterben-in-mitteleuropa\/","title":{"rendered":"Insektensterben in Mitteleuropa"},"content":{"rendered":"<h3>Insektensterben in Mitteleuropa<\/h3>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Ab 1750 hat man in Mitteleuropa mit der ganzj\u00e4hrigen Stallhaltung begonnen. Der anfallende Stallmist wurde f\u00fcr die Felder gebraucht. Wiesen blieben unged\u00fcngt, wurden im Fr\u00fchjahr mit Vieh besto\u00dfen und im Sommer meist nur einmal gem\u00e4ht, um Heu f\u00fcr den Winter zu gewinnen und von ganz armen Wiesen Einstreu f\u00fcr den Stall.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">In der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts begann die D\u00fcngung mit Chilesalpeter. Stallmist war immer noch sehr wichtig, aber die Dreifelderwirtschaft wurde aufgegeben. Brachen, die vielen Insekten einen Lebensraum boten, gab es nun kaum mehr. Erst als 1910 das Haber-Bosch-Verfahren zur k\u00fcnstlichen Gewinnung von Ammoniak entwickelt wurde, begann die \u00c4ra des Kunstd\u00fcngers. Stallmist wurde zunehmend bedeutungsloser, fiel aber immer noch in gro\u00dfen Mengen an. Nun konnte man es sich leisten, Stallmist in Form von G\u00fclle auf die Wiesen zu verbringen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Raupen vertragen keine Stickstoff-\u00dcberd\u00fcngung und \u00fcberd\u00fcngte Wiesen verarmen biologisch extrem. Zudem k\u00f6nnen nur wenige stickstoffliebende Pflanzen auf \u00fcberd\u00fcngten Wiesen \u00fcberleben. Auf ged\u00fcngten Wiesen geht der Reichtum an Insekten also sehr stark zur\u00fcck. Je st\u00e4rker mit G\u00fclle ged\u00fcngt wird, umso mehr verarmen diese.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Ebenfalls begann man ab der Mitte 19. Jahrhundert allm\u00e4hlich mit dem sogenannten \u201enaturnahen Waldbau\u201c, der alles ist, nur nicht naturnah. Vielmehr dient er m\u00f6glichst hohem Ertrag der Forstwirtschaft. Die B\u00e4ume stehen nun so dicht, dass kaum mehr Licht auf den Boden kommt. Die meisten Waldschmetterlinge sind aber Lichtwaldarten oder auf Saumstrukturen im Wald (Waldmantel, Waldsaum) angewiesen. Im geschlossenen Hochwald k\u00f6nnen diese nicht mehr \u00fcberleben. Vorher weidete das Vieh auch im Wald und durch Nieder- und Mittelwaldbewirtschaftung war der Wald sehr licht \u2013 und entsprechend artenreich. Solche Waldstrukturen gibt es heute kaum mehr wo, weil die Forstwirtschaft auf maximalen Ertrag ausgerichtet ist. Ebenfalls der Ertragsoptimierung sind \u00dcberg\u00e4nge im Wald, also der Waldmantel, zum Opfer gefallen. Der Wald geht \u00fcbergangslos bis zum Waldweg bzw. zum Waldrand. Damit haben die Waldmantelarten unter den Schmetterlingen auch keine Habitate mehr. Durch St\u00fcrme wie Wiebke und Lothar wurde der Wald gelichtet und f\u00fcr einige Jahre hatten die Waldschmetterlings-Arten wieder eine kurze Phase der Regenerierung. Aber die lichten Stellen wurden schnell wieder aufgeforstet, zumeist mit Fichten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">1892 wurde von Bayer mit Dinitro-o-kresol das erste Insektizid entwickelt, 1939 kam DDT dazu. Nach dem 2. Weltkrieg begann der Siegeszug der Insektizide. Mit Einf\u00fchrung der Neonicotinoide in den 1970er-, verst\u00e4rkt in den 1990er-Jahren kamen Insekten noch viel st\u00e4rker in Bedr\u00e4ngnis. Im intensivlandwirtschaftlich genutzten Terrain \u00fcberleben in den letzten Jahren kaum mehr Schmetterlinge. Gerade die \u201eAllerweltsarten\u201c, die bis um die Jahrtausendwende noch recht h\u00e4ufig waren, gehen jetzt sehr stark zur\u00fcck. Heute sind es vor allem eher seltene Arten, die in Schutzgebieten leben, die es noch etwas zahlreicher gibt, weil ihnen die Intensivlandwirtschaft nicht so sehr zusetzt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Seit 2017 setzt zudem der Klimawandel den Insekten massiv zu. Das war der n\u00e4chste und bislang letzte Tiefschlag. Unsere heimischen Arten sind nicht an mediterrane D\u00fcrreperioden angepasst. Einige wenige Arten, wie der Karstwei\u00dfling, breiten sich nun aus S\u00fcdeuropa zu uns aus, aber insgesamt geht der Individuenreichtum sehr stark zur\u00fcck. Alleine in den Hochlagen der Alpen gibt es noch verbreitet einen Reichtum an Arten und Individuen. Ansonsten sterben viele Arten aus, andere gehen in der Individuendichte so stark zur\u00fcck, dass man nur noch Einzelfalter sieht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Gegen das Insektensterben helfen w\u00fcrde nur ein tiefgreifender Wandel in der Land- und Forstwirtschaft. Aber der ist ebenso wenig zu erwarten, wie dass die Menschheit entschlossen gegen den Klimawandel vorgeht. M. E. ist es daher nicht f\u00fcnf vor zw\u00f6lf, sondern Viertel nach eins. Also f\u00fcr eine Rettung der Insekten bereits viel zu sp\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Hinzu kommt seit 1980 mit der Bundesartenschutzverordnung eine v\u00f6llig verfehlte Naturschutzpolitik, die die weitere Erforschung der Insektenwelt stark einschr\u00e4nkt und vor allem Kinder und Jugendliche von der Natur fernh\u00e4lt. Daher sind Insektenforscher heute ebenso vom Aussterben bedroht, wie die Insekten. Hierzu ein Beispiel: Wenn ein Landwirt Mohrr\u00fcben anpflanzt, woran der gesetzlich gesch\u00fctzte Schwalbenschwanz Eier ablegt, dann darf er diese mit Insektiziden gegen den Raupenfra\u00df sch\u00fctzen. Das nennt sich ordnungsgem\u00e4\u00dfe Landwirtschaft.&nbsp; Wenn er aber eine einzelne Raupe von den Mohrr\u00fcben pfl\u00fcckt und sie seiner Tochter, die Biologie-Lehrerin ist, gibt, damit diese sie in den Unterricht mitnimmt, dann machen sich beide strafbar. Denn das T\u00f6ten der Raupe zum Zweck des Schutzes des Gem\u00fcses ist erlaubt. Das Einsammeln zu Unterrichtszwecken bedarf der amtlichen Genehmigung. Daher f\u00e4llt es zunehmend weniger auf, wenn Insektenarten seltener werden und aussterben. Denn es mangelt zunehmend an Experten, die die einzelnen Arten unterscheiden k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p>Verfasser: J\u00fcrgen Hensle, Mai 2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Insektensterben in Mitteleuropa Ab 1750 hat man in Mitteleuropa mit der ganzj\u00e4hrigen Stallhaltung begonnen. Der anfallende Stallmist wurde f\u00fcr die Felder gebraucht. 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